
Früher oder später passiert es fast jedem Unterwasserpiloten: Die Drohne hängt fest. Meist ist nicht die Drohne selbst gefangen, sondern das Kabel hat sich um einen Ast, eine Leine oder einen Stein gewickelt. Die gute Nachricht: In vielen Fällen kommst du mit Ruhe und System wieder frei.
Wichtig vorab: Wir haben diese Situation noch nicht selbst erlebt. Der Plan stützt sich auf Herstelleranleitungen, auf das Notfallverfahren des Profi-ROV-Herstellers VideoRay und auf Erfahrungen aus Foren. Das ist also eine Einordnung, kein Praxistest.
- Erste Regel: nicht in Panik geraten und nicht am Kabel reißen. Das betont VideoRay gleich im ersten Satz seines Notfallverfahrens.
- Meist hängt das Kabel fest, nicht die Drohne. Fahr am Kabel entlang zurück, um die Stelle zu finden.
- Typische Fallen: Wasserpflanzen, Äste, Festmacherleinen, Ankerketten, Netze und Angelschnüre.
- Vorbeugen ist einfacher als bergen: wenig Kabel abrollen, Hindernisse meiden, Akku-Reserve einplanen.
- Selbst hinterhertauchen ist ohne Ausbildung tabu.
Der Notfallplan in 7 Schritten
1. Ruhe bewahren, nicht ziehen
VideoRay, ein Hersteller professioneller ROVs, beginnt sein Notfallverfahren für ein verhaktes Kabel mit zwei klaren Sätzen: Keine Panik. Nicht am Kabel ziehen. Auch im Forum von Blue Robotics rät ein erfahrener Nutzer, das Kabel nicht ruckartig zu ziehen, weil es dabei reißen kann. Ein kräftiger Ruck zieht einen Knoten oft nur fester.
Lass die Motoren kurz los und nimm die Hand von der Kabelrolle. Jetzt wird nichts überstürzt.
2. Lage einschätzen
Laut VideoRay ist der erste Schritt, die Situation zu bewerten, und zwar bevor du die Drohne bewegst. Frag dich:
- Reagiert die Drohne noch auf Steuerbefehle?
- Siehst du auf dem Bildschirm, woran sie hängt?
- Ist das Kabel straff, und in welche Richtung zeigt es?
- Wie viel Akku hast du noch?
Wenn du ein Video aufzeichnest, lass es laufen. Die Aufnahme hilft dir später, die Stelle wiederzufinden oder die Situation im Forum zu erklären.
3. Sicht prüfen
Schalte die Lampen ein, falls sie aus sind, und neige die Kamera nach oben und unten. VideoRay empfiehlt, die Drohne nach links und rechts zu drehen und die Kamera zu schwenken, um das Kabel zu finden. Bei aufgewirbeltem Schlamm hilft oft nur: kurz warten, bis sich die Sicht bessert.
4. Am Kabel entlang zurückfahren
Das ist der wichtigste Schritt. VideoRay rät, die Drohne umzudrehen und dem Kabel bis zur Hängestelle zu folgen. Im Blue-Robotics-Forum schreibt ein Nutzer aus Erfahrung, dass sich das Kabel oft unter Steinen verfängt und Umkehren in die Richtung, aus der du gekommen bist, die Drohne meist befreit.
So gehst du vor:
- Langsam rückwärts oder in Gegenrichtung fahren, nicht mit Vollgas.
- Dem Weg folgen, den du gekommen bist. Hat sich das Kabel um einen Pfahl gewickelt, fährst du die Schlaufe in umgekehrter Richtung ab.
- Kabel dabei locker lassen, damit die Drohne Spielraum hat.
5. Kabel entlasten und Position wechseln
Steht das Kabel unter Zug, kannst du von oben nachhelfen:
- Etwas Kabel nachgeben. Oft löst sich eine Schlaufe, wenn der Zug nachlässt.
- Den Winkel ändern. Vom Ufer aus kannst du ein paar Meter am Steg oder Ufer entlanggehen, vom Boot aus die Position wechseln. Ein anderer Zugwinkel kann das Kabel über ein Hindernis heben. Laut Blue-Robotics-Forum hilft es auch, das Fahrzeug vorsichtig von beiden Enden des Bootes aus freizuarbeiten.
- Sanft, nicht ruckartig. Ist das Kabel knotenfrei und kann sich nicht weiter festziehen, darf laut VideoRay auch von oben gezogen werden. Gleichmäßig, nicht mit Gewalt.
Vom Boot aus gilt: Achte darauf, dass das lose Kabel nicht in die Schraube des eigenen Boots gerät. Genau so ging laut dem Fachmagazin Salmon Business eine Blueye-Drohne in Norwegen verloren: Beim Manövrieren hing zu viel loses Kabel im Wasser, die Firma vermutet, dass es vom Propeller durchtrennt wurde.
6. Hilfsmittel nutzen
Hat deine Drohne einen Greifarm, kann er laut VideoRay helfen, das Kabel zu lösen. Auch Kufen oder der Rahmen lassen sich nutzen, um das Kabel wegzuschieben. Wer eine zweite Drohne zur Hand hat, kann damit die Lage von außen ansehen.
7. Ist die Drohne frei: zügig bergen
Sobald die Drohne frei ist, fahr sie zur Oberfläche, hol das Kabel ein und schalte die Drohne aus. VideoRay empfiehlt, vor dem Abstecken den Strom abzuschalten. Prüf danach Propeller und Kabel: QYSEA rät in der Kurzanleitung zur V6, nach jedem Tauchgang zu kontrollieren, dass sich keine Algen oder Angelschnüre in den Propellern verfangen haben. Chasing nennt in der Anleitung zur Gladius Mini Seegras, das die Antriebe blockiert, als typisches Problem.
Achtung Akku
Ein Befreiungsversuch kostet Strom. Chasing empfiehlt, unter 25 Prozent nicht mehr zu tauchen bzw. nachzuladen, und schließt Schäden durch Betrieb trotz Akkuwarnung in der Anleitung zur Gladius Mini von der Garantie aus. Bei FIFISH dient das Kabel laut QYSEA ausdrücklich auch als Sicherungsleine, mit der du die Drohne bei Stromausfall bergen kannst. Hängt die Drohne aber fest, nützt das wenig. Lass dir deshalb nicht den ganzen Akku beim Herumprobieren leerlaufen. Mehr dazu in Akkupflege.
Typische Fallen
| Falle | Wo sie lauert | Was hilft |
|---|---|---|
| Wasserpflanzen, Seegras | flache Uferzonen, Seen im Sommer | Chasing nennt klares Wasser ohne dichtes Seegras als Einsatzbedingung; darüber hinweg statt hindurch fahren |
| Äste, versunkene Bäume | Flussufer, Stauseen | Abstand halten, Kabel nicht um Äste herumführen |
| Festmacherleinen, Bojenleinen | Häfen, Marinas | laut SeaHelp-Test typische Gefahr in Marinas; Leinen nie umkreisen |
| Ankerketten | Ankerplätze, Bojenfelder | im Live-Artikel zu Strömung als Kabelfalle genannt |
| Netze, Angelschnüre | Angelplätze, Hafenbecken | QYSEA warnt vor Riffen, Felsen, Seegras und Angelschnur |
| Steine, Felsspalten | Blockufer, Riffe | laut Blue-Robotics-Forum häufigste Ursache; Umkehren hilft meist |
Ein echter Erfahrungsbericht: Beim Test der Chasing Gladius Mini in der Adria beschreibt SeaHelp, dass die sehr wendige Drohne Gefahr läuft, sich zu verheddern, und nennt Festmacherleinen in der Marina als typisches Hindernis.
So beugst du vor
- Wenig Kabel abrollen. Je weniger Kabel im Wasser liegt, desto weniger kann sich verfangen. Wie du das Kabel bei Strömung führst, steht in Fahren bei Strömung.
- Kabel markieren. Im Blue-Robotics-Forum beschreibt ein Team, das mit einem umgebauten BlueROV2 Wracks in den Großen Seen untersucht, dass es das Kabel mit Markierungen versieht. Ist deutlich mehr Kabel draußen, als die Tiefe erklärt, ist das ein Hinweis auf eine Schlaufe oder Hängestelle.
- Zu zweit fahren. Dasselbe Team arbeitet mit einem Piloten und einer zweiten Person, die nur das Kabel führt. Beide sprechen ständig über Tiefe und Kabellänge.
- Keine Kreise um Hindernisse. Jede Runde um einen Pfahl oder eine Boje ist eine Schlinge.
- Umgebung checken. QYSEA rät, auf Gezeiten, Wasserstand und Schiffsverkehr zu achten.
- Akku-Reserve. Kehre rechtzeitig um, damit Strom für einen Befreiungsversuch bleibt.
Die komplette Vorbereitung findest du in der Checkliste für den ersten Tauchgang. Warum das Kabel überhaupt nötig ist, erklären wir in Warum ROVs ein Kabel brauchen.
Wann aufgeben und wen rufen?
Manchmal geht es nicht. Wenn die Drohne trotz aller Versuche festsitzt, der Akku zur Neige geht oder sich die Lage verschlechtert:
- Nicht selbst hinterhertauchen, wenn du keine Tauchausbildung hast. Kaltes Wasser, schlechte Sicht und ein Kabel, in dem man sich selbst verfangen kann, sind für Ungeübte gefährlich. Eine Drohne ist ersetzbar, du nicht.
- Position merken. Notiere Ort, Uferpunkt, Kabellänge und, falls angezeigt, die Tiefe. Mach Fotos vom Ufer. Schneide das Kabel nicht einfach ab, sondern sichere es am Ufer oder an einer Boje, wenn du die Bergung später versuchen willst. Beachte dabei, dass ein im Wasser gespanntes Kabel für Schwimmer und Boote zur Gefahr werden kann.
- Profis fragen. Ausgebildete Taucher, etwa aus einem Tauchclub oder einer Tauchschule in der Nähe, können manchmal helfen. Für eine professionelle Bergung gibt es spezialisierte Anbieter.
- Notruf nur bei Gefahr für Menschen. Ist eine Person in Gefahr, gilt der Euronotruf 112, auch in der Schweiz.
Sicherheit geht vor
- Badegäste: Tauche nicht dort, wo Menschen schwimmen. Ein Kabel im Wasser ist eine Falle für Schwimmer, laufende Propeller sind laut QYSEA nicht zu berühren.
- Schifffahrt: Kein Tauchgang im Fahrwasser. Neben der Gefahr für deine Drohne kann ein Kabel im Fahrwasser auch andere gefährden.
- Gewässerregeln: Ob und wo Unterwasserdrohnen erlaubt sind, regelt jedes Gewässer bzw. jede Behörde anders. Eine eigene Übersicht zur Rechtslage ist geplant.
Spiel den Notfall einmal im Trockenen oder im flachen, klaren Wasser durch: Kabel bewusst um einen Pfosten legen, dann umkehren und dem Kabel folgen. Wer den Ablauf einmal geübt hat, bleibt im Ernstfall ruhiger.
Häufige Fragen
Kann ich das Kabel einfach mit Kraft freiziehen?
Besser nicht. VideoRay und Nutzer im Blue-Robotics-Forum raten ausdrücklich davon ab. Das FIFISH-Kabel hält laut QYSEA zwar 80 bis 100 kgf, aber Stecker, Drohne oder Hindernis können vorher nachgeben, und ein Knoten zieht sich oft fester.
Was mache ich, wenn das Bild weg ist?
Ohne Bild kannst du nicht am Kabel entlang zurückfahren. Dann bleibt nur, das Kabel vorsichtig und gleichmäßig von oben einzuholen und dabei den Zugwinkel zu verändern. Gibt es keinen Fortschritt: Position merken und professionelle Hilfe holen.
Zahlt die Garantie, wenn die Drohne hängen bleibt?
Das haben wir nicht pauschal geprüft. QYSEA schließt Schäden durch starke Strömung oder große Wellen von der Garantie aus, Chasing Schäden durch Betrieb trotz Akkuwarnung. Lies die Garantiebedingungen deines Herstellers.
Wie verhindere ich, dass sich Angelschnüre im Propeller verfangen?
Angelplätze meiden und nach jedem Tauchgang die Propeller kontrollieren, wie es QYSEA empfiehlt.
Hast du schon mal eine Drohne freibekommen, oder ist sie unten geblieben? Erzähl es im Forum der Unterwasserpiloten. Deine Erfahrung hilft anderen.
Reaktionen und Kommentare zu diesem Artikel findest du im Forum der Unterwasserpiloten.
- VideoRay: Emergency Response to a Snagged Tether/ROV (Notfallverfahren: nicht ziehen, Lage bewerten, am Kabel zurückfahren, Greifarm/Kufen nutzen, zweites ROV, Strom aus vor dem Abstecken)
- Blue Robotics Forum: „ROV Snagged On Submerged Object“ (Juli 2021; Nutzer ktweed: nicht reißen, Kabel zurückverfolgen, Hängen oft unter Steinen, Umkehren hilft; von beiden Bootsenden freiarbeiten. Nutzer Truenorthmark: Kabelmarkierungen, Pilot + Kabelführer)
- QYSEA: FIFISH V6/V6s Quick Start Guide V1.4 (via Adorama; Riffe, Felsen, Seegras, Angelschnur meiden; Gezeiten, Wasserstand, Schiffsverkehr beachten; Propeller nicht berühren; nach dem Tauchgang auf Seegras/Angelschnur prüfen; 80 kgf; nur am Kabel ziehen)
- QYSEA Support-FAQ: „What is the purpose of the tether?“ (Sicherungsleine bei Stromausfall, Kevlar ca. 80 kg)
- QYSEA Store: 100 m Tether Spool (100 kgf)
- Chasing: Gladius Mini User Manual (via Adorama; klares Wasser ohne dichtes Seegras; Antriebe auf Seegras prüfen; unter 25 % laden; Betrieb trotz Akkuwarnung von Garantie ausgeschlossen)
- SeaHelp News: „Unterwasser-Drohne Gladius Mini: ideal für die Adria“ (Wolfgang Kröger, 18.07.2019, aktualisiert 05.01.2020; Verheddern, Festmacherleinen in der Marina)
- Salmon Business: „Underwater drone worth EUR 10,000 suddenly lost“ (13.02.2020; Blueye-Drohne, zu viel loses Kabel, vermutlich vom Propeller durchtrennt)
- Zivilschutz Steiermark: „Sicher in den Urlaub mit 112“ (112 gilt in der EU und der Schweiz)
- Unterwasserpilot: Fahren bei Strömung (Ankerketten als Kabelfalle, kein Tauchen im Fahrwasser, QYSEA-Garantieausschluss Strömung/Wellen; dort belegt mit QYSEA Warranty Policy)
- Unterwasserpilot: Akkupflege (Chasing-Empfehlung 25 %)
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